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Kindheit und Jugend

1819 - 1834



























Hintergrundbild: Haus Zum Goldenen Winkel am Neumarkt 27, zw. 1900 und 1930, anonym. ZB Zürich.

Geburt und Elternhaus

G. Keller ist 1819 zu Zürich geboren, wo sein Vater, aus dem Dorfe Glattfelden stammend, (nahe beim Ausfluss der Glatt in den Rhein) ein Haus besass und ein geachteter Drechslermeister war. Nachdem der Vater schon 1824 gestorben, erzog die Wittwe den Knaben, so gut sie es konnte.

Gottfried Keller, Autobiografie 1861

Porträt von Gottfried Kellers Mutter, Elisabeth Keller-Scheuchzer, ca. 1817, anonym. ZB Zürich. Depositum Stiftung Gottfried Keller Zentrum, Glattfelden.

Porträt von Gottfried Kellers Vater, Johann Rudolf Keller, ca. 1817, anonym. ZB Zürich. Depositum Stiftung Gottfried Keller Zentrum, Glattfelden.









Gottfried Keller wächst nach dem frühen Tod des Vaters in bescheidenen Verhältnissen in der Zürcher Altstadt auf. Von 1821 bis 1852 wohnt die Familie im eigenen Haus Zur Sichel am Rindermarkt 9 und lebt zu einem erheblichen Teil von den generierten Mieteinnahmen.

Haus Zur Sichel am Rindermarkt 9, ca. 1910, Fotografie, anonym. ZB Zürich.

Rindermarkt, 2023. Fotografie von Juliet Haller. Baugeschichtliches Archiv Zürich.

Von ursprünglich sechs Kindern überlebt neben Gottfried Keller nur seine drei Jahre jüngere Schwester Regula das Kleinkindalter. Er bleibt ihr zeitlebens eng verbunden.

Schulzeit

Von 1825 bis 1831 besucht Gottfried Keller die als fortschrittlich geltende Armenschule Zum Brunnentor.

Die Schule im Brunnenturm mit wechselweisem Unterricht, 1820. Kupferstich von Georg Christoph Friedrich Oberkogler. ZB Zürich.

Wie der Unterricht vor sich ging, beschreibt Keller in seinem autobiografisch gefärbten Roman «Der grüne Heinrich» sehr anschaulich:

In einem grossen Saale wurden etwa hundert Kinder unterrichtet, zur Hälfte Knaben, zur Hälfte Mädchen, vom fünften bis zum zwölften Jahre. Sechs lange Schulbänke standen in der Mitte, von dem einen Geschlechte besetzt; jede bildete eine Altersklasse, und davor stand ein vorgeschrittener Schüler von elf bis zwölf Jahren und unterrichtete die ganze Bank, welche ihm anvertraut war, indessen das andere Geschlecht in Halbkreisen um sechs Pulte herum stand, die längs den Wänden angebracht waren. Inmitten jedes Kreises sass auf einem Stühlchen ebenfalls ein unterrichtender Schüler oder eine Schülerin. Der Hauptlehrer thronte auf einem erhöhten Katheder und übersah das Ganze, zwei Gehilfen standen ihm bei, machten die Runde durch den ziemlich düstern Saal, hier und dort einschreitend, nachhelfend und die gelehrtesten Dinge selbst beibringend. Jede halbe Stunde wurde mit dem Gegenstande gewechselt; der Oberlehrer gab ein Zeichen mit einer Klingel, und nun wurde ein treffliches Manöver ausgeführt, mittelst dessen die hundert Kinder in vorgeschriebener Bewegung und Haltung, immer nach der Klingel, aufstanden, sich kehrten, schwenkten und durch einen wohl berechneten Marsch in einer Minute die Stellung wechselten, so dass die früher fünfzig Sitzenden nun zu stehen kamen und umgekehrt.

Gottfried Keller: Der grüne Heinrich. Stuttgart: Göschen'sche Verlagsbuchhandlung, 1879. Bd. 1, Kap. 9, S. 116f.

Da ihm als Bürger von Glattfelden der Zutritt zu den höheren städtischen Schulen verwehrt ist, tritt Keller 1831 ins Landknabeninstitut ein. Die weltliche Privatschule war von Angehörigen der Landschaft ins Leben gerufen worden.

1833 wechselt er an die neu eröffnete kantonale Industrieschule im ehemaligen Chorherrengebäude des Grossmünsters.

Das ehemalige Chorherrengebäude, 1853. Aquatinta von Heinrich Zollinger nach Franz Schmid. ZB Zürich.

Sein Aufenthalt ist allerdings von kurzer Dauer. Bereits nach einem Jahr wird er als vermeintlicher «Rädelsführer» einer Schülerrebellion gegen einen unbeliebten Mathematiklehrer als Einziger von der Schule verwiesen. Der Ausschluss erfüllt den 15-jährigen mit Bitterkeit, wirft ihn aus der Bahn und bezüglich Bildung auf sich selbst zurück.

Maler

1834 - 1842

























Hintergundbild: Gottfried Keller: Landschaft mit Gewitterstimmung, 1842. ZB Zürich.

Glattfelden

Nach dem abrupten Ende seiner schulischen Karriere verbringt Gottfried Keller den Sommer 1834 in Glattfelden bei seinen Verwandten mütterlicherseits. Er wohnt bei seinem Onkel und Vormund, dem Arzt Johann Heinrich Scheuchzer.

Ansicht der Reformierten Kirche sowie eine Karte von Glattfelden mit Teilen des Flusses Glatt, 1828. Zeichnung von Heinrich Keller aus Glattfelden. ZB Zürich.

Zeichnend und malend durchstreift der Jugendliche die Gegend um Glattfelden und setzt sich ein Berufsziel: er will Maler werden. Gemalt hat Keller schon als Kind. Seine frühen Kinderzeichnungen zeugen von Kreativität und künstlerischem Talent.

Zeichnung aus Gottfried Kellers Kinderzeit, 1829. ZB Zürich.

Zeichnung aus Gottfried Kellers Kinderzeit, 1829. ZB Zürich.

Zeichnung aus Gottfried Kellers Kinderzeit, 1829. ZB Zürich.

Aus den Briefen, die ihm seine Mutter schickt, spricht eine gewisse Skepsis gegenüber dem Berufswunsch des Sohnes. Trotzdem unterstützt sie ihn bei der Suche nach einer Lehrstelle.

Auszug aus einem Brief von Elisabeth Keller an ihren Sohn Gottfried, 8. August 1834. ZB Zürich.

[…] von der Hauptsache eines Meisters für Dich, weiss ich leider noch nichts, es macht mir genug Kummer - angst und bang, bis du eine Versorgung hast. Der wichtige Zeitpunkt ist mir allzu schnell erschienen, von welchem dein ganzes zukünftiges Glück - oder Unglück abhängt! Willst auf Deiner Mahlerey bleyben, so findet sich in ganz Zürich ein einziger wo man sagen kann geschickter Mahler, und dies ist der Wetzel, welcher aber kein Lehrjung annihmt: die anderen sind Koloristen, wenn du nun dies willst, so ist die Sache bald in Ordnung, der geschickte Kupferstecher in Oberstrass von dem H. Münch gesagt, verreist auch wieder fort, und ohne den Lumpen Esslinger, sind die andern Pfuscher was ist nun zu machen? entweder auch ein Pfuscher werden oder dein Köpfchen brechen, und einen anderen Beruff wählen.

Ausbildung

Gottfried Keller beginnt schliesslich eine Lehre bei einem Vedutenmaler und nimmt Privatunterricht beim Aquarellisten Rudolf Meyer. Wie Keller 1889 in einer Autobiografie schreibt, gestaltete sich der Ausbildungsweg holprig. Lesen und Schreiben nehmen neben der Malerei einen wichtigen Platz ein.

Im Herbst 1834 kam er zu einem sogenannten Kunstmaler in die Lehre, erhielt später den Unterricht eines wirklichen Künstlers, der aber, von allerlei Unstern verfolgt, auch geistig gestört war und Zürich verlassen musste. So erreichte Gottfried sein zwanzigstes Jahr, nicht ohne Unterbrechung des Malerwesens durch anhaltendes Bücherlesen und Anfüllen wunderlicher Schreibebücher.

In München

Gottfried Keller im Alter von 23 Jahren in München, 1842. Zeichnung von Julius Rudolf Leemann. ZB Zürich.

Der Berufswunsch bleibt bestehen und Keller reist 1840, 21-jährig, zur Ausbildung als Landschaftsmaler nach München, der damals bedeutendsten Kulturmetropole im deutschen Raum. Er verkehrt in Künstler- und Studentenkreisen und malt. Es gelingt ihm aber weder, sich an der Königlichen Akademie der Künste zu etablieren, noch seine Bilder gewinnbringend zu verkaufen. Nach zwei Jahren muss er verschuldet nach Zürich zurückkehren.

Gottfried Keller: Baumlandschaft mit Gebirgsbach und Steg, München, 1841. ZB Zürich.

Gottfried Keller. Heroische Landschaft, München, 1842. ZB Zürich.

Gottfried Keller: Felsige Waldpartie, München, 1841. ZB Zürich.

Gottfried Keller: Landschaft mit Gewitterstimmung, 1842. ZB Zürich.

Vom Maler zum Dichter:

1842 - 1848





















Hintergrundbild: Ansicht vom Hotel Schwert Richtung Münsterbrücke, 1828. Aquatinta: Heinrich Bräm, ZB Zürich.

Zurück in Zürich

Zu Beginn seiner erzwungenen Rückkehr beschäftigt sich Gottfried Keller weiterhin mit Malerei und führt, wie bereits in München, ein Kneipenleben in Künstlerkreisen. Daneben findet er Eingang in die deutsche Emigrantenszene in Zürich. Deren Ansichten sowie die politische Lyrik des deutschen Vormärz beeindrucken und politisieren ihn. Im Vorfeld des Sonderbundkrieges und der Gründung des Bundesstaates findet er seine politische Heimat in der radikal-liberalen Bewegung.

Das Bild hält einen nächtlichen Zwischenfall fest, der sich vor dem Café littéraire abgespielt hat, dem Zürcher Hauptquartier der Radikalen. Vor dem am Boden liegenden Gottfried Keller haben sich der Kupferstecher Lukas Weber und die Maler Johannes Ruff und Johannes Thomann versammelt. Auf der linken Seite des Bildes ist die Polizei sichtbar.

Zeichnung von Johannes Ruff, 1846. ZB Zürich.

Kellers Tagebuchaufzeichnungen aus dem Sommer 1843 geben Einblick in seine Gedanken in dieser persönlichen und politischen Umbruchszeit und deuten den Wandel vom Maler zum Dichter an.

Ich habe nun ein Mal grossen Drang zum Dichten; warum sollte ich nicht probieren, was an der Sache ist? Lieber es wissen, als mich vielleicht heimlich immer für ein gewaltiges Genie halten, und darüber das andere vernachlässigen.

11. Juli 1843

Mein 24ter Geburtstag, der 19. Juli, ist regnerisch und stürmisch an meinem Innern vorübergezogen. Meine Hoffnungen sind um nichts besser geworden, und wenn ich etwas weiteres gelernt habe, so muss es durch inneres Anschauen und durch von Erfahrung gestärkte Auffassungskraft geschehen sein, denn in der gedrückten, kummervollen Lage, in welcher ich mich fortwährend befinde, kann ich wenig mit meinen armen Händen arbeiten und mutig zu Tage bringen. Schreiben oder lesen kann ich immer, aber zum Malen bedarf ich Fröhlichkeit und sorglosen Sinn. Die Zeit ergreift mich mit eisernen Armen. Es tobt und gärt in mir wie in einem Vulkane. Ich werfe mich dem Kampfe für völlige Unabhängigkeit und Freiheit des Geistes und der religiösen Ansichten in die Arme.

5. August 1843

Auszüge aus dem Tagebuch von Gottfried Keller aus dem Sommer 1843. ZB Zürich. 11. Juli 1843

Auszüge aus dem Tagebuch von Gottfried Keller aus dem Sommer 1843. ZB Zürich. 11. Juli 1843

Auszüge aus dem Tagebuch von Gottfried Keller aus dem Sommer 1843. ZB Zürich. 5. August 1843

Auszüge aus dem Tagebuch von Gottfried Keller aus dem Sommer 1843. ZB Zürich. 5. August 1843

Auszüge aus dem Tagebuch von Gottfried Keller aus dem Sommer 1843. ZB Zürich. 5. August 1843

1844 und 1845 beteiligt sich Gottfried Keller an zwei Freischarenzügen gegen Luzern, ohne allerdings in Kampfhandlungen verwickelt zu werden. Beide Züge enden für Keller und seine Schar jeweils unweit von Zürich im Wirtshaus.

Die Karikatur stellt Gottfried Keller als Trommler seiner aus Künstlern bestehenden Freischar dar. Von links nach rechts: Georg Adolf Grimminger, Karl Friedrich Irminger, Gottfried Keller, Johannes Ruff und Johannes Thomann, 1845. Zeichnung von Johannes Ruff. ZB Zürich.



Hintergrundbild: Treffen bei Malters, 1845. Lithografie von Caspar Studer. ZB Zürich.

Erste Veröffentlichungen

1844 wird in der demokratischen Zeitschrift Die freie Schweiz mit dem Jesuitenlied («Hussa! Hussa! Die Hatz geht los!») erstmals ein Gedicht Kellers veröffentlicht.

Es folgen in den Jahrgängen 1845 und 1846 des «Deutschen Taschenbuchs» Natur- und Liebesgedichte und noch im selben Jahr wird eine Sammlung von Gedichten in Buchform herausgegeben. Die Gedichte werden wohlwollend aufgenommen und finden auch ausserhalb der Schweiz Beachtung. In der Folge wendet sich Keller von der Malerei ab und der Dichtkunst zu.

Gottfried Keller: Sie kommen die Jesuiten. In: Beilage zur Freien Schweiz, Nr. 1, 3. Februar 1844. Lithographie von Martin Disteli. ZB Zürich.







Dichter und Schriftsteller

1848 - 1861





















Hintergrundbild: Der grüne Heinrich, Gottfried Kellers schriftstellerisches Hauptwerk (Erste Fassung 1854/55, zweite Fassung 1879/80)

Heidelberg

1848 ermöglicht ein Reisestipendium des Kantons Zürich dem bald 30-jährigen Gottfried Keller einen Aufenthalt in Deutschland zur weiteren wissenschaftlichen Ausbildung.

Gottfried Kellers Reisepass vom 10. Oktober 1848. ZB Zürich.

Die ersten anderthalb Jahre verbringt er in Heidelberg, wo er verschiedene Vorlesungen besucht und einen Teil der verpassten Bildung nachholt.



Dank der Fürsprache von Alfred Escher gewährt der Kanton Zürich Keller ein weiteres Stipendium, was ihm 1850 die Übersiedlung nach Berlin ermöglicht.

Brief Alfred Eschers an Gottfried Keller, 13. Oktober 1849. ZB Zürich.

Hochverehrter Herr! Gemäss meinem Versprechen theile ich Ihnen mit, dass der Regierungsrath so eben einmüthig beschlossen hat, Ihnen ein weiteres Reisestipendium v. 1000 Frkn. für Herbst 1849 bis Herbst 1850 zu Ihrer fernern Ausbildung in Berlin & Dresden zu verabreichen. Der Erz.rath ist mit der Vollziehung beauftragt & ich werde dafür sorgen, dass Sie die Summe für den bevorstehenden Semester beförderlich erhalten. Ich nehme an, Sie werden dieselbe in Heidelberg erwarten. Ihrer gef. Antwort auf mein letztes Schreiben entgegensehend versichere ich Sie neuerdings meiner vollkommenen Hochschätzung. Dr A Escher

Keller ist dankbar für die erneute Unterstützung und zuversichtlich, dass die Investition in ihn bald literarische Früchte tragen wird.

Berlin

Das königliche Schauspielhaus in Berlin, 1836. Aquatinta von Franz Hegi. ZB Zürich.

In Berlin will Gottfried Keller das Theaterleben studieren und strebt eine Karriere als Dramatiker an. Aus dem geplanten Jahr werden deren sechs und ein Theaterautor wird Gottfried Keller nicht. Die Jahre in Berlin sind aber literarisch sehr produktiv - aus dem Lyriker wird der Novellen- und Romanautor. Es entstehen die vier Bände des «Grünen Heinrich», der erste Band von «Die Leute von Seldwyla» (mit «Romeo und Julia auf dem Dorfe»), «Der Apotheker von Chamonix» und die Anfänge von «Sinngedicht» und «Sieben Legenden».

Trotzdem sind die Jahre in Berlin für Keller entbehrungsreich, geprägt von Geldmangel und grosser Not. Er erhält zwar 1851 und 1852 zwei weitere Stipendien. Zudem wird er von der Mutter, die dafür 1852 das Haus zur Sichel verkauft, finanziell unterstützt. Aber der Umgang mit Geld liegt ihm nicht.

Erst nach einem erneuten stattlichen Zustupf der Mutter und der Publikation verschiedener seiner Werke, kann der von Liebeskummer geplagte Keller Ende 1855 nach Zürich zurückkehren.

Brief Gottfried Kellers an seine Mutter, 11. November 1855. ZB Zürich.

Brief Gottfried Kellers an seine Mutter, 11. November 1855. ZB Zürich.

Brief Gottfried Kellers an seine Mutter, 11. November 1855. ZB Zürich.

Brief Gottfried Kellers an seine Mutter, 11. November 1855. ZB Zürich.

Liebe Mutter! Ich habe mich nun entschlossen, womöglich diesen Monat noch nach Hause zu kommen, denn ich kann es in Berlin nicht mehr aushalten. […] Ich muss durchaus einmal meine Schulden auf einen Schlag bezahlen und gänzlich reinen Tisch machen, zu Hause sein und mich wohl befinden, dann kann ich erst vorwärts kommen. Die Herren und Freunde in Zürich wollten mir zwar schon einmal hiezu behülflich sein, aber sie haben es so ungeschickt und unzulänglich gemacht, dass ich dadurch nur mehr hinein geriet, anstatt hinaus. Denn ich musste über dem Abwarten der Sache gerade so viel Schulden machen, als ich dann Geld erhielt. So bin ich nun darauf gewiesen, dass wir uns selbst helfen, aber mit einem Briefchen zu verkaufen, wie Du meinst, ist es nicht getan; um von hier wegzukommen und alles zu bezahlen, brauche ich gradezu 600 Taler, welches ungefähr 1000 Gulden sind. Diese würde ich in einem halben Jahre leicht verdient haben mit den angefangenen und bereits verakkordierten Arbeiten; aber ich kann hier nichts mehr tun, sondern ich werde krank, wenn ich noch länger hier bleiben muss. Was ich also jetzt nach reiflicher Erwägung von Euch verlange, ist nicht ein Opfer oder ein Verlust, sondern eine Verbesserung unserer Lage, und da ich es einmal tue, so müsst Ihr ohne Grübeln und Bedenken es sogleich tun. Ihr müsst nämlich sogleich von Eueren Briefgeschichten, die Ihr da habt, tausend Gulden auf brechen und mir die schicken, damit ich sicher diesen Monat noch von hier fort kann. […]

Heimkehr

Nach seiner Rückkehr kommt Keller bei Mutter und Schwester in Hottingen unter.

Porträt von Gottfried Kellers Mutter Elisabeth Keller -Scheuchzer und seiner Schwester Regula Keller, zw. 1861 und 1862. Fotograf: Jakob Schneebeli. ZB Zürich.

Er findet sich in einem gesellschaftlich und politisch stark veränderten Zürich, das vom Wirtschaftsliberalismus Alfred Eschers geprägt ist. Grosse verkehrspolitische und industrielle Unternehmungen führen zu wirtschaftlichem Aufschwung aber auch zu sozialem Elend. Der Wirtschaftsboom geht mit einer engen Verflechtung von Politik und Wirtschaft einher und bringt neue Eliten hervor. Literarisch ist Keller wenig produktiv. 1860 erscheint die Novelle «Das Fähnlein der sieben Aufrechten» und er macht als politischer Publizist von sich reden. Er engagiert sich im Umkreis der demokratischen Opposition und verfasst verschiedene Artikel gegen die herrschenden Wirtschafts- und Regierungskreise. Damit greift er seinen ehemaligen Förderer Escher direkt an.





Staatsschreiber

1861 - 1876





















Auszug aus der Zürcher Freitagszeitung vom 20. September 1861.

Die Wahl

Urkunde für Gottfried Keller zur Wahl als erster Staatsschreiber vom 14. September 1861, ausgestellt von Präsident und Regierungsrat des Kantons Zürich. ZB Zürich.

Am Vorabende vor dem Bettag hat unsere Regierung noch einen Geniestreich begangen, wegen dessen gewiss Viele sich veranlasst gesehen haben werden, am Bettag selbst noch extra für sie in der Kirche zu beten. Sie wählte zu ihrem ersten Staatsschreiber den Dichter Gottfried Keller. Ein unverständiges Volk nahm diese Wahl mit kopfschüttelndem Bedenken auf, und wollte kaum daran glauben, setzte sich dann aber leicht über das Seltsame derselben hinweg, sich damit beruhigend, das es am Ende Sache der Regierung sei, was sie für einen Staatsschreiber haben wolle und brauchen könne. Auf viele Andere macht aber diese Wahl einen tief entmuthigenden und schwer demoralisirenden Eindruck. Wir möchten Hrn. Keller nicht kränken, und werden uns von Herzen freuen, wenn die öffentliche Meinung über seine Befähigung zu der Stelle eines Staatsschreibers sich vollständig als irrig erweisen wird. Indess müssen wir doch seine Wahl besprechen. Wir sagten, es musste seine Wahl tief entmuthigend für Viele wirken. Es hat diess die Meinung. Allgemein ist bekannt, dass Herr Keller bis vor kurzer Zeit sich weder mit Politik im Allgemeinen, noch viel weniger mit dem Detail der Administration vertraut gemacht hat, und kein Mensch hatte bei ihm die Befähigung dazu auch nur von ferne vermuthet. Zürcher Freitagszeitung, 20. September 1861.

Am 14. September 1861 wird Gottfried Keller überraschend zum ersten Staatsschreiber des Kantons Zürich gewählt. Beworben hat er sich erst auf Nachfrage und es stehen weit besser qualifizierte Kandidaten zur Auswahl. Die Wahl gibt entsprechend viel zu reden und findet auch in der Presse Widerhall.











Hintergrundbild: Ansicht der Stadt Zürich entlang der Limmat, mit See und Alpen im Hintergrund, zw. 1864 und 1882. Holzschnitt: anonym. ZB Zürich.



Dass Keller an seinem ersten Arbeitstag nach einer durchzechten Nacht aus dem Bett geholt werden muss, beschwichtigt die Zweifler nicht. In der Folge versieht Keller seinen Dienst aber bis zu seinem Rücktritt fünfzehn Jahre später gewissenhaft und zuverlässig. Die Freitagszeitung korrigiert ihre kritische Haltung schon kurz nach der Wahl.

[…] nach Allem, was man hört, ist er jetzt schon seinem Posten ordentlich gewachsen, und wenn er so fortfährt, dürfte aus ihm noch einer der tüchtigsten Staatsschreiber werden, den Zürich je besessen hat – das ist die Kraft des Genies […].

Zürcher Freitagszeitung, 1. November 1861

Im Amt

Endlich verfügt Gottfried Keller über ein regelmässiges Einkommen, verbunden mit einer Amtswohnung an der Kirchgasse 33, wo er mit Mutter und Schwester Ende 1861 einzieht. Zeit für die Schriftstellerei bleibt Keller allerdings kaum .

Zu seinem 50. Geburtstag 1869 verleiht die Universität Zürich Gottfried Keller den Ehrendoktor. Wie sein Staatsschreiberamt muss diese Anerkennung eine Genugtuung gewesen sein für den Autodidakten mit seinem fragmentierten Bildungsweg.

Urkunde der philosophischen Fakultät I der Universität Zürich zur Ernennung von Gottfried Keller zum «Doctor philosophicae honoris causa» vom 19. Juli 1869. ZB Zürich.

Auch literarisch läuft es gut für Keller. 1871 erscheint «Romeo und Julia auf dem Dorfe» in Paul Heyses mehrbändiger Anthologie «Deutscher Novellenschatz». Die Novelle erregt unerwartetes Aufsehen und Gottfried Keller gelangt als «Shakespeare der Novelle» über die Grenzen der Schweiz hinaus zu neuem Ansehen.

Deutscher Novellenschatz: hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz, 3. Band, 1871-1876. Vorsatz von Gottfried Kellers Exemplar. ZB Zürich.

Deutscher Novellenschatz: hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz, 3. Band, 1871-1876. Titelseite von Gottfried Kellers Exemplar. ZB Zürich.

Deutscher Novellenschatz: hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz, 3. Band, 1871-1876. Inhaltsverzeichnis von Gottfried Kellers Exemplar. ZB Zürich.

1876 tritt Gottfried Keller von seiner Position als Staatsschreiber zurück, um sich wieder als freier Schriftsteller zu betätigen. Das Amt hat ihm nicht immer Freude bereitet, wie einem Brief an Theodor Storm vom 26. Februar 1879 zu entnehmen ist:

Die Gesetzänderungen, welche Ihnen so mal à propos noch auf den Hals fallen, soll auch der Teufel holen, so zweckmässig sie sein mögen. Ich habe vor 10 Jahren etwas Aehnliches erfahren: Gerade als ich in mein Amt so voll eingeschossen war, dass ich Aussicht hatte, etwas Musse zu gewinnen, gabs eine trockene aber radicale Staatsumwälzung, eine neue Verfassung wurde gemacht, in Folge dessen eine Reihe neuer Gesetze, so dass ich neben den laufenden Geschäften zwei Jahre lang fast Tag u Nacht Schwatzprotokolle zu schreiben hatte, die nachher zur Interpretation dienen sollen, wenn die Esel nicht mehr wissen, was sie gewollt haben. Da war es denn mit der Dichterei wieder fertig, besonders da die zweite Staatsschreiberstelle auch abgeschafft wurde und ich als einziger u untheilbarer Scribax dastand, […].

Gottfried Keller: Gesammelte Briefe in 4 Bänden. Bern: Benteli Verlag, 1950-1954. Bd. 3.1, S. 433ff.



Schon im Vorjahr ist er aus der Amtswohnung an der Kirchgasse aus- und mit seiner Schwester in eine Wohnung im Oberen Bürgli eingezogen.

Oberes Bürgli, 1907. Fotografie von Robert Breitinger. ZB Zürich.



Alter und Tod

1876 - 1890



















Hintergrundbild: Gottfried Kellers Feuerbestattung. In: Zürcher Illustrierte, 15. Jahrgang, Nummer 27: Sondernummer zum 50. Todestag von Gottfried Keller. Zürich: 5. Juli 1940, S. 741. ZB Zürich.

Der gefeierte Autor

Nach seinem Rücktritt lebt Gottfried Keller wieder als freier Schriftsteller. Als anerkannter und geachteter Autor kann er inzwischen von seiner literarischen Arbeit leben.

1878 erscheinen die «Züricher Novellen» und der Stadtrat von Zürich verleiht Keller als Dank für die literarische Würdigung Zürichs das Ehrenbürgerrecht der Stadt.

Bürgerrechtsurkunde des Stadtrats Zürich für Gottfried Keller, 28. April 1878. ZB Zürich.

Bei seinen Veröffentlichungen stützt sich Keller auf Material aus der Berliner Zeit und er überarbeitet auch bestehende, ältere Texte, mit denen er nicht mehr zufrieden ist. 1880 erscheint die zweite Fassung des «Grünen Heinrich», 1882 werden der Novellenzyklus «Das Sinngedicht» und 1883 die ebenfalls aus einer Überarbeitung entstandenen «Gesammelten Gedichte» publiziert.

Gottfried Keller im Alter von 67 Jahren, 1868. Fotografie von Karl Stauffer-Bern. ZB Zürich.

1882 verlässt Keller seine Wohnung im Oberen Bürgli in der Enge und zieht wieder in die Stadt, ins Haus Thaleck am Zeltweg 27. Das Alter macht sich bemerkbar und das Bürgli ist für ihn und für die inzwischen kranke Schwester zu abgelegen, zu weit von der Stadt entfernt.

Der Umzug steht allerdings unter keinem guten Stern. Die neue Wohnung ist laut. Im unteren Stock befindet sich eine Wirtschaft und auch der Strassenlärm macht dem Schriftsteller zu schaffen. Dennoch entsteht dort sein letztes Werk, der Roman «Martin Salander». 1886 wird er veröffentlicht.

Alter

Porträt Gottfried Kellers, 1887. Radierung von Karl Stauffer-Bern. ZB Zürich.

Was die Natur schon fragmentiert, Hat hier des Künstlers Hand croquiert; So aus der doppelten Verneinung Kommt ein bedenklich Ganzes zur Erscheinung. Es scheint der kurze Mensch fast krank, Doch raucht er ja noch, Gott sei Dank! Gottfried Keller, 22. Juni 1887

1888 stirbt nach längerer Krankheit Gottfried Kellers Schwester Regula, mit der er mehr als 30 Jahre lang zusammengelebt hatte. Er selbst leidet unter rheumatischen Beschwerden, die ihm das Gehen erschweren und zieht sich immer mehr zurück. Den Feierlichkeiten zu seinem 70. Geburtstag weicht er an den Vierwaldstättersee aus. Dort erreichen ihn viele Glückwünsche.

Glückwunschurkunde des schweizerischen Bundesrates zu Gottfried Kellers 70. Geburtstag. ZB Zürich.

Glückwunschurkunde des schweizerischen Bundesrates zu Gottfried Kellers 70. Geburtstag. ZB Zürich.

Glückwunschurkunde des Akademisch-Literarischen Vereins München zu Gottfried Kellers 70. Geburtstag. ZB Zürich.

Glückwunschurkunde des Männerchors der Stadt Zürich zu Gottfried Kellers 70. Geburtstag. ZB Zürich.

Glückwunschurkunde des Männerchors der Stadt Zürich zu Gottfried Kellers 70. Geburtstag. ZB Zürich.

Glückwunschurkunde der Schweizer in Mailand zu Gottfried Kellers 70. Geburtstag. ZB Zürich.

Glückwunschurkunde der Freunde und Verehrer in Berlin zu Gottfried Kellers 70. Geburtstag. ZB Zürich.

Glückwunschurkunde des Schweizer Unterstützungs-Vereins im Auslande zu Gottfried Kellers 70. Geburtstag. ZB Zürich.

Auch Conrad Ferdinand Meyer gratuliert seinem Dichterkollegen.

Gratulation Conrad Ferdinand Meyers zu Gottfried Kellers 70. Geburtstag, 6. Juli 1889. ZB Zürich.

Gratulation Conrad Ferdinand Meyers zu Gottfried Kellers 70. Geburtstag, 6. Juli 1889. ZB Zürich.

Gratulation Conrad Ferdinand Meyers zu Gottfried Kellers 70. Geburtstag, 6. Juli 1889. ZB Zürich.

Gratulation Conrad Ferdinand Meyers zu Gottfried Kellers 70. Geburtstag, 6. Juli 1889. ZB Zürich.

Verehrter Herr. Erlauben Sie, dass ich schon jetzt zu Ihrem 70. Geburtstage Glück wünsche, bei meiner bevorstehenden Abreise ins Gebirge. Ich tue es mit dankbarem Herzen. Während meines längeren Unwohlseins hatte ich die Musse, wieder einmal Ihre ganze Dichtung langsam zu durchlaufen, und sie hat mir äusserst wohl getan, mehr als jede andere, durch ihre innere Heiterkeit. Auch meine ich, dass Ihr fester Glaube an die Güte des Daseins die höchste Bedeutung Ihrer Schriften ist. Ihnen ist wahrhaftig nichts zu wünschen als die Beharrung in Ihrem Wesen! Da Sie die Erde lieben, wird die Erde Sie auch so lange als möglich festhalten. Was mich betrifft, habe ich lange nicht dieselbe Lebenssicherheit; doch werde ich die mir noch beschiedene Zeit nach Kräften nützen. Dass ich Sie stets nach meinen Kräften gewürdigt, verehrt und lieb gehabt habe, wissen Sie, wie auch ich gewiss bin, dass Sie trotz meiner Mängel Ihre gute Meinung und Ihr Wohlwollen mir erhalten werden. Also Gott befohlen, Herr Gottfried! Kilchberg, 6. Juli 1889 Ihr C.F. Meyer

Gottfried Keller’s gesammelte Werke. Wilhelm Hertz: Berlin 1889. Bayrische Staatsbibliothek München.

Passend zum 70. Geburtstag erscheint 1889 bei Wilhelm Hertz eine 10-bändige, von Keller selbst autorisierte Gesamtausgabe seiner Werke. Die Nachfrage ist so gross, dass noch im selben Jahr eine zweite Auflage gedruckt wird.

Tod

Anfang 1890 erkrankt Keller an der Grippe und wird bettlägerig. Er regelt seine Angelegenheiten und macht sein Testament. Zum Universalerben ernennt er den Hochschulfonds der Universität Zürich; seine Bibliothek soll an die Stadtbibliothek gehen. Drei Tage vor seinem 71. Geburtstag stirbt Gottfried Keller am 15. Juli 1890.

Die Stadt Zürich richtet ihm zwei Tage später ein Staatsbegräbnis aus. Ein grosser Trauerzug mit Vertretern des Bundesrats, Abordnungen von Kantons- und Stadtrat und weiteren Persönlichkeiten aus Politik, Gesellschaft und Kultur geleitet den Verstorbenen vom Zeltweg zum Friedhof Sihlfeld, wo er, für die damalige Zeit ungewöhnlich, kremiert wird.

Trauerzug für den Schriftsteller Gottfried Keller am Zeltweg. Fotografie von Wilhelm Jacky-Tayler, 18. Juli 1890. ZB Zürich.