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Zentralbibliothek Zürich

Die Novelle

Romeo und Julia auf dem Dorfe



Romeo und Julia auf dem Dorfe

Eine kurze Zusammenfassung



























Hintergrundbild: Miniaturausgabe 1876 von Romeo und Julia auf dem Dorfe aus der Göschen’schen Verlagshandlung. ZB Zürich.

Romeo und Julia auf dem Dorfe

Die befreundeten Bauern Manz und Marti bestellen friedlich ihre benachbarten Äcker, halten zusammen Brotzeit und tauschen sich aus. Bis sie in Streit geraten. Grund dafür ist das brachliegende Feld zwischen ihren Äckern, das sie sich Stück für Stück aneignen, obwohl sie genau wissen, dass es dem schwarzen Geiger gehört. Als einer der Bauern mehr davon beansprucht, entbrennt ein Rechtsstreit, der beide Familien ruiniert. Sali und Vrenchen, die Kinder der beiden Streithähne, verlieben sich trotz der Feindschaft ihrer Väter ineinander.

Nach einem ihrer heimlichen Treffen begegnen sie Vrenchens Vater Marti, der in blinder Wut auf seine Tochter losgeht. Sali verteidigt sie und verletzt Marti mit einem Stein am Kopf. Dieser verliert daraufhin den Verstand und muss sein Zuhause verlassen. Vrenchen kann den Hof allein nicht halten und ist gezwungen, sich eine Anstellung zu suchen. Vor ihrer Trennung wollen die Liebenden einen letzten glücklichen Tag verbringen und besuchen die Kirchweih im Nachbardorf.

Sie feiern und tanzen mit den Heimatlosen um den schwarzen Geiger und bestärken sich in ihrer Liebe. Da sie keine gemeinsame Zukunft haben und keinen Ausweg sehen, beschliessen sie, zusammen zu sterben. Auf einem Heuschiff treiben sie im Morgengrauen dem Tod entgegen.







Erste Illustrationen

Entgegen Kellers Wunsch

























Raum für Fantasie

Zu Lebzeiten Gottfried Kellers wird keine illustrierte Ausgabe seiner Novelle veröffentlicht. Keller ist grundsätzlich gegen die Illustration von belletristischen Werken. Er will den Leserinnen und Lesern den Raum für eigene Bilder nicht nehmen.



[…] wie ich denn überhaupt für die Zeitrichtung, die Literatur immer mehr an das Schlepptau der Illustration zu hängen, nicht gerade begeistert bin. Ich fürchte, das grosse Lesepublikum werde zuletzt das selbsttätige innere Anschauen poetischer Gestaltung ganz verlernen und nichts mehr zu sehen imstande sein, wenn nicht ein Holzschnitt daneben gedruckt ist.

Brief von Keller an Ferdinand Weibert, 12. Februar 1884.



1884 treten kurz nacheinander der Münchner Kunstverleger Friedrich Bruckmann sowie Kellers langjähriger Verleger Ferdinand Weibert, Inhaber der Göschen’schen Verlagshandlung, mit dem Vorschlag einer illustrierten Ausgabe der Novelle an den Dichter heran. Eine entsprechende Klausel wird in den Vertrag zwischen Keller und seinem Verlag aufgenommen. Aufgrund von Kellers Vorbehalten kommt es aber mit keinem der vorgeschlagenen Künstler zu einer Zusammenarbeit.



Trotzdem entstehen unabhängige Kunstwerke zum Novellenstoff. Der Maler Ernst Stückelberg präsentiert bereits 1867, etwas über zehn Jahre nach der Erstveröffentlichung, auf der Pariser Weltausstellung sein Gemälde mit dem Titel «Jugendliebe oder Heimkehr von Sali und Vrenchen». 1878 erschafft Eduard Kurzbauer einen Bilderzyklus mit elf Illustrationen zu Romeo und Julia auf dem Dorfe.



Ernst Stückelberg (1831-1903)

entstammt der Basler Patrizierfamilie Stickelberger. Nach dem frühen Tod seines Vaters kümmert sich sein Onkel um die Ausbildung des künstlerisch begabten Kindes. Stückelberg besucht die Zeichenschule Basel, bevor er 1850 in die Akademie der Schönen Künste in Antwerpen eintritt. Er wird vor allem in die damals hoch angesehene Historienmalerei eingeführt. Nach Studienreisen nach Italien lässt er sich 1860 in Zürich nieder. Er führt verschiedene Aufträge für Wandgemälde und Fresken in öffentlichen Gebäuden aus und ist ein angesehener Künstler. 1883 erhält er den Titel eines Ehrendoktors der Universität Zürich.



Hintergrundbild: Jugendliebe, 1865-1867. Kupferstich von Fritz Dinger nach dem Ölgemälde von Ernst Stückelberg. ZB Zürich.







Düstere Interpretation

Eduard Kurzbauer schafft den elfteiligen Bilderzyklus zu «Romeo und Julia auf dem Dorfe» nur wenige Monate vor seinem Tod im Januar 1879, schwer gezeichnet von seiner unheilbaren Krankheit. Seine ausdrucksstarken Bleistiftzeichnungen zeigen eine durchwegs düstere Stimmung, die das unausweichliche Ende der Erzählung vorzeichnet. Der Fokus des Künstlers liegt ganz auf den beiden Hauptfiguren Vrenchen und Sali, die in zehn Illustrationen auftreten und detailliert ausgearbeitete Züge tragen. Die übrigen Figuren bleiben schemenhaft.

Die Zeichnungen werden nach Kurzbauers Tod 1879 in Wien ausgestellt und vom Wiener Korrespondenten der Neuen Zürcher Zeitung am 9. Juni 1879 äusserst wohlwollend besprochen. Keller erhält dadurch nachweislich Kenntnis von Kurzbauers Zeichnungen. Dennoch entsteht auch jetzt keine illustrierte Ausgabe seiner Novelle.

1882 wird der Bilderzyklus vom Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin erworben, wo er heute noch aufbewahrt wird.



Brotzeit – Die Bauern Manz und Marti mit ihren Kindern Sali und Vrenchen auf dem wilden Acker. Fotografiert durch Jörg P. Anders, 1998. Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin.

Kinderspiele – Sali und Vrenchen auf dem wilden Acker. Fotografiert durch Jörg P. Anders, 1998. Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin.

Ein Gewitterabend – Manz und Marti im Kampf auf dem Steg. Fotografiert durch Jörg P. Anders, 1998. Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin.

Der schwarze Geiger auf dem Steinhaufen vor Vrenchen und Sali. Fotografiert durch Jörg P. Anders, 1998. Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin.

Schlimmer Augenblick – Vrenchen und Sali bei dem zu Boden geschlagenen Marti. Fotografiert durch Jörg P. Anders, 1998. Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin.

Grosse Erwartungen – die Bäuerin, Vrenchen und Sali im öden, leeren Haus. Fotografiert durch Jörg P. Anders, 1998. Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin.

Vrenchen und Sali am Wirtshaustisch. Fotografiert durch Jörg P. Anders, 1998. Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin.

Das Liebespaar vor der Jahrmarktbude. Fotografiert durch Jörg P. Anders, 1998. Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin.

Der nächtliche Feierzug mit dem schwarzen Geiger und den Heimatlosen. Fotografiert durch Jörg P. Anders, 1998. Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin.

Sali und Vrenchen umarmen sich. Fotografiert durch Jörg P. Anders, 1998. Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin.

Die Liebenden auf dem Heukahn. Fotografiert durch Jörg P. Anders, 1998. Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin.





Eduard Kurzbauer (1840-1879)

wird in Lemberg (Westukraine) geboren. Er wächst in Wien auf, wo er als Sechzehnjähriger eine Lithografenlehre beginnt. 1857 wechselt er an die Wiener Akademie und versucht sich danach in verschiedenen Richtungen selbständig weiterzubilden. 1867 zieht er nach München und studiert dort an der Königlichen Akademie der Künste. Ab 1870 ist er als freischaffender Künstler tätig. Seine Werke zeigen Alltagsszenen, die er mit einem klaren Blick für die besonderen Charakterzüge seiner Figuren und einer Prise Humor darstellt.







Die Schlüsselszenen

aus der Sicht verschiedener Künstler*innen





















Hintergrundbild: Kinderspiele auf dem wilden Acker. Zeichnung von Emil Ernst Heinsdorf. In der Ausgabe des Holbein-Verlags, München 1921.

Interpretationen von acht Szenen

Nach Kellers Tod realisieren mindestens 21 Künstler Bilder zu «Romeo und Julia auf dem Dorfe», die in verschiedenen Verlagen ab 1895 bis heute publiziert werden. Dabei werden häufig dieselben Schlüsselszenen dargestellt.

Eine Auswahl von acht dieser Szenen wird im Folgenden genauer beleuchtet und ihre Interpretation durch verschiedene Künstler gezeigt.



Szene 1: Die beiden Bauern pflügen

Die Bauern bei der Arbeit, die Kinder ruhen sich aus. Holzschnitt von Ernst Würtenberger, 1917. In der Ausgabe von L’Age d’Homme, Lausanne, 1983, S. 22.

Die Bauern Manz und Marti pflügen ihre Äcker. Lithografie von Karl Walser von 1924. In der Ausgabe des Verlags Mirio Romano, Kilchberg, 1989, S. 14.

Die Bauern pflügen ihre Äcker. Zeichnung von Otto Schoff. In der Ausgabe der Verlagsgenossenschaft «Freiheit», Berlin, 1921, S. 7.

Die beiden Bauern bei der Arbeit auf dem Acker. Zeichnung von Fritz Deringer. In der Ausgabe des Verlags Hugo Boss, Zürich, 1943, S. 9.

[…] über die sanfte Anhöhe lagen vor Jahren drei prächtige lange Äcker weithingestreckt […]

Romeo und Julia auf dem Dorfe

Die idyllische Szene auf dem Acker zeigt die beiden Bauern bei der Arbeit. In harmonischer Eintracht pflügen sie ihre Felder. Zwischendurch werfen sie Steine auf den herrenlosen Acker in der Mitte.





Ernst Würtenberger (1868-1934)

studiert von 1888 bis 1892 an der Münchner Kunstakademie. Ab 1898 betreibt er ein eigenes Kunstatelier in München. In seinem Werk ist der Einfluss verschiedener Künstler seiner Epoche erkennbar, z. B. von Arnold Böcklin, Hans Thoma und Ferdinand Hodler. Nach seiner Heirat übersiedelt er zuerst nach Konstanz, dann nach Zürich. Hier fertigt er über 200 Porträts von Zürcher Persönlichkeiten an. Ab 1905 widmet er sich auch dem Holzschnitt, den er für die Illustration literarischer Texte einsetzt. Er unterrichtet an der Kunstgewerbeschule und ist Vorstandsmitglied der Zürcher Kunstgesellschaft. Nach zwanzig Jahren verlässt er Zürich und zieht nach Karlsruhe, wo er Professor an der Badischen Landeskunstschule wird.

Karl Walser (1877-1943)

Walser, ein älterer Bruder des Schriftstellers Robert Walser, wird am 8. April 1877 in Biel geboren. Nach einer abgebrochenen Lehre als Bauzeichner absolviert er in Stuttgart eine Ausbildung zum Dekorationsmaler und besucht die Künstlerschule. Es folgt ein Studium an der Kunstgewerbeschule in Strassburg, bevor sich Walser für eine Künstlerlaufbahn in Berlin entscheidet. Ab 1901 arbeitet er dort als Bühnenbildner und Buchgestalter und illustriert unter anderem Bücher seines Bruders Robert, mit dem er in Berlin einige Zeit eine Wohnung teilt. Ab 1917 lebt Karl Walser wieder in der Schweiz, wo er sich einerseits mit der Arbeit an Fresken, andererseits mit Radierungen beschäftigt. Sein Werk verschafft ihm zu Lebzeiten grosse Anerkennung, gerät aber nach seinem Tod in Vergessenheit.

Otto Schoff (1884-1938)

wird in Bremen geboren und wächst in ärmlichen Verhältnissen auf. Ab 1902 besucht er die Kunstgewerbeschule Bremen. 1909 kann er nach bestandener Aufnahmeprüfung seine Studien an der Schule des Kunstgewerbemuseums in Berlin fortsetzen. Dank eines Stipendiums folgt ein Studienaufenthalt in Paris. Nach dem ersten Weltkrieg eröffnet Schoff ein eigenes Atelier in Berlin. Zentrale Themen seiner Arbeit sind Erotik und Homosexualität. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wird sein Werk als entartet eingestuft und aus den Museen entfernt. Einen Tag vor seinem Tod wird sein Atelier von der Gestapo heimgesucht und viele seiner Werke werden beschlagnahmt und zerstört.

Fritz Deringer (1903-1950)

wird in Uetikon am See geboren und zählt zu den bedeutenden Zürcher Künstlern der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wegen einer frühen Erkrankung und Lähmungen bleibt er zeitlebens auf den Rollstuhl angewiesen. Trotz dieser Einschränkung entwickelt er sich autodidaktisch zu einem vielseitigen Maler, Zeichner und Illustrator. Sein Werk umfasst viele Landschaftsbilder aus der Zürichseegegend und aus dem Stammertal, zudem Illustrationen zu literarischen Werken sowie für Kinder- und Jugendbücher. Auf Reisen ins Tessin und durch Südeuropa malt er Aquarelle, mit denen er das südliche Flair einfängt.

Szene 2: Die Kinder auf dem Acker

Nachmittagsruhe beim Acker. Zeichnung von Luigi Rossi. In der Ausgabe von L. Borel, Paris, 1895, S. 12.

Sali und Vrenchen mit dem Wägelchen unterwegs zum Acker. Lithografie von Karl Walser von 1924. In der Ausgabe des Verlags Mirio Romano, Kilchberg, 1989, S. 18.

Kinderspiele auf dem wilden Acker. Zeichnung von Emil Ernst Heinsdorf. In der Ausgabe des Holbein-Verlags, München, 1921, S. 32.

Sali und Vrenchen spielen auf dem wilden Acker. Zeichnung von Fritz Deringer. In der Ausgabe des Verlags Hugo Boss, Zürich, 1943, S. 15.

Sali und Vrenchen unterwegs mit dem Wägelchen. Aquarell von Christiane Lesch. In der Ausgabe von Fleischhauer & Spohn, Stuttgart, 1981, S. 9.

Das war ein grün bemaltes Kinderwägelchen, in welchem die Kinder der beiden Pflüger, ein Knabe und ein kleines Ding von Mädchen, gemeinschaftlich den Vormittagsimbiss heranfuhren.

Romeo und Julia auf dem Dorfe



Die Kinder der beiden Bauern erscheinen zur Mittagszeit mit einem Wägelchen, auf dem sie den Mittagsimbiss für ihre Väter mitführen. Den freien Nachmittag nutzen sie für gemeinsame Spiele auf dem wilden Acker und die Nachmittagsruhe.





Luigi Rossi (1853-1923)

wird in Cassarate im Tessin geboren. Ab 1856 lebt er mit seiner Familie in Mailand, wo er bereits mit elf Jahren in die Kunstakademie Brera aufgenommen wird. Die Jahre von 1884 bis 1888 verbringt er in Paris und beschäftigt sich vor allem mit der Illustration von Büchern, unter anderem von Alphonse Daudet und Pierre Loti. Nach Reisen durch Italien und der Teilnahme an der ersten Biennale von Venedig kehrt Rossi ins Tessin zurück und setzt sich dort für eine Neugestaltung des schulischen Zeichenunterrichts ein. Ab 1913 wird sein Haus bei Tesserete sein Lebensmittelpunkt, heute bekannt als «Museum Luigi Rossi».

Emil Ernst Heinsdorff (1887-1948)

absolviert in Düsseldorf eine Ausbildung als Graveur, bevor er an der Akademie in Karlsruhe studiert und sich danach in München mit Privatunterricht weiterbildet. Er beschäftigt sich neben der Ölmalerei auch mit Lithografien, Holzschnitten und Radierungen. Seine Motive sind vorwiegend Kinder und Blumen. Er ist auch als Illustrator von Büchern tätig, darunter ist das 1941 veröffentlichte «entjudete» Gesangbuch «Grosser Gott wir loben dich». Heinsdorff stirbt 1948 auf seinem Landsitz in Irschenhausen in Bayern.

Christiane Lesch (1940-)

wächst in Kiel und Erlangen auf. Nach dem Abitur studiert sie von 1959 bis 1963 Grafikdesign in Nürnberg und macht erste berufliche Erfahrungen. Nach der Familiengründung 1967 lebt und arbeitet sie in Stuttgart. Sie wird vor allem als Buchillustratorin und Gestalterin von Kinderbüchern bekannt. Heute lebt sie in Überlingen und beschäftigt sich vor allem mit Farbradierungen und freier, abstrakter Malerei. Ausserdem gestaltet sie Auftragsarbeiten und erteilt Malkurse.

Szene 3: Der Streit auf der Brücke

Der Streit der Bauern und das Wiedersehen von Sali und Vrenchen. Aquarell von Christiane Lesch. In der Ausgabe von Fleischhauer & Spohn, Stuttgart, 1981, S. 55.

Vrenchen versucht ihren Vater zurückzuhalten. Zeichnung von Luigi Rossi. In der Ausgabe von L. Borel, Paris, 1895, S. 81.

Die Streithähne auf dem Steg mit den Kindern. Holzschnitt von Ernst Würtenberger, 1917. In der Ausgabe von L’Age d’Homme, Lausanne, 1983, S. 59.

Die ringenden Bauern und die herbeieilenden Kinder. Lithografie von Karl Walser von 1924. In der Ausgabe des Verlags Mirio Romano, Kilchberg, 1989, S. 38.

Manz und Marti kämpfen miteinander. Zeichnung von Fritz Deringer. In der Ausgabe des Verlags Hugo Boss, Zürich, 1943, S. 44.

[…] als die verwilderten Männer gleichzeitig auf die schmale, unter ihren Tritten schwankende Brücke stürzten, sich gegenseitig packten und die Fäuste in die vor Zorn und ausbrechendem Kummer bleichen zitternden Gesichter schlugen.

Romeo und Julia auf dem Dorfe



Jahre später, nach vielen Streitereien und juristischen Auseinandersetzungen wegen des herrenlosen Ackers – Manz hat inzwischen seinen Hof verloren und Marti steht knapp davor – treffen sich die Bauern zufällig auf einem schmalen Steg. Sali und Vrenchen sind fast erwachsen und sehen sich hier nach langer Zeit zum ersten Mal wieder. Beim Versuch, ihre streitenden Väter zu trennen, erkennen sie ihre tiefe Zuneigung zueinander.









Szene 4: Das Liebespaar

Auf der Wiese. Zeichnung von Emil Ernst Heinsdorf. In der Ausgabe des Holbein-Verlags, München, 1921, S. 64/96.

Das Liebespaar im Kornfeld. Zeichnung von Luigi Rossi. In der Ausgabe von L. Borel, Paris, 1895.

Das Liebespaar auf dem Felde. Lithografie von Karl Walser von 1924. In der Ausgabe des Verlags Mirio Romano, Kilchberg, 1989, S. 50.

Im Kornfeld. Zeichnung von Otto Schoff. In der Ausgabe der Verlagsgenossenschaft «Freiheit», Berlin, 1921, S. 40.

Die Verliebten treffen sich hinter den Häusern. Aquarell von Christiane Lesch. In der Ausgabe von Fleischhauer & Spohn, Stuttgart, 1981, S. 67.

[…] und Hand in Hand gingen sie nun das flüsternde Korn entlang bis gegen den Fluss hinunter und wieder zurück, ohne viel zu reden; […] still, glückselig und ruhig, so dass dieses einige Paar nun auch einem Sternbilde glich, welches über die sonnige Rundung der Anhöhe und hinter derselben niederging, wie einst die sicher gehenden Pflugzüge ihrer Väter.

Romeo und Julia auf dem Dorfe



Sali und Vrenchen werden ein Liebespaar. Trotz der erbitterten Feindschaft ihrer Väter treffen sie sich heimlich auf dem Feld und geniessen gemeinsame Stunden. Die Angst vor Entdeckung begleitet sie dabei ununterbrochen und überschattet ihre Liebe.









Szene 5: Prügelei Sali – Manz

Sali stürzt sich mit dem Stein in der Hand auf Marti. Lithografie von Karl Walser von 1924. In der Ausgabe des Verlags Mirio Romano, Kilchberg, 1989, S. 52.

Sali versucht Marti mit dem Steinwurf von Vrenchen abzubringen. Aquarell von Christiane Lesch. In der Ausgabe von Fleischhauer & Spohn, Stuttgart, 1981, S. 81.

Sali mit dem Stein in der Hand. Zeichnung von Fritz Deringer. In der Ausgabe des Verlags Hugo Boss, Zürich, 1943, S. 64.

Ohne sich zu besinnen, raffte er einen Stein auf und schlug mit demselben den Alten gegen den Kopf, halb in Angst um Vrenchen und halb im Jähzorn.

Romeo und Julia auf dem Dorfe



Nach gemeinsam verbrachten Stunden auf dem Feld treffen Sali und Vrenchen auf dem Heimweg zum Dorf auf Marti, Vrenchens Vater. Dieser stürzt sich voller Wut auf seine Tochter. Sali eilt ihr zu Hilfe und ergreift einen Stein, den er Marti an den Kopf wirft. Bestürzt erkennt er, dass er den Bauern schlimm getroffen hat und dieser schwer verletzt ist. Vrenchens Vater erholt sich nicht mehr und muss seinen Hof verlassen. Seine Tochter bleibt allein zurück, da ihre Mutter schon vor Jahren aus Kummer gestorben ist.







Szene 6: Jahrmarkt und Tanz

Das Paar mit den erstandenen Lebkuchen. Zeichnung von Otto Schoff. In der Ausgabe der Verlagsgenossenschaft «Freiheit», Berlin, 1921, S. 62.

Sali und Vrenchen auf dem Jahrmarkt. Holzschnitt von Ernst Würtenberger, 1917. In der Ausgabe von L’Age d’Homme, Lausanne, 1983, S. 129.

Sali und Vrenchen an einer Jahrmarktbude. Lithografie von Karl Walser von 1924. In der Ausgabe des Verlags Mirio Romano, Kilchberg, 1989, S. 74.

Auf dem Jahrmarkt. Zeichnung von Fritz Deringer. In der Ausgabe des Verlags Hugo Boss, Zürich, 1943, S. 93.

Der nächtliche Tanz. Aquarell von Christiane Lesch. In der Ausgabe von Fleischhauer & Spohn, Stuttgart, 1981, S. 131.

Als es aber die wilde Musik hörte, welche vom Estrich ertönte, vergass es sein Leid und verlangte endlich nichts, als mit Sali zu tanzen.

Romeo und Julia auf dem Dorfe

Sali und Vrenchen ziehen übers Land durch Feld und Wald und kommen so ins Nachbarsdorf, wo Kirchweih gefeiert wird. Vrenchen schenkt Sali ein Lebkuchenherz und bekommt von ihm ein Häuschen aus Lebkuchenteig. Aber bei den Jahrmarktsbuden stehen sie als fremdes Paar zwischen den Dörflern und werden scheel angesehen. Deshalb folgen sie den Klängen der Musik, die aus dem «Paradiesgärtlein» tönt, dem Wirtshaus für das einfache Volk. Dort tanzen sie den ganzen Abend bis in die Nacht hinein zur Musik des schwarzen Geigers und der anderen heimatlosen Musikanten.









Szene 7: Die Versuchung – Geiger und Heimatlose

Sali und Vrenchen lassen die Heimatlosen weiterziehen. Zeichnung von Luigi Rossi. In der Ausgabe von L. Borel, Paris, 1895, S. 237.

Die Musikanten entfernen sich und das Liebespaar bleibt zurück. Holzschnitt von Ernst Würtenberger, 1917. In der Ausgabe von L’Age d’Homme, Lausanne, 1983, S. 143.

Der nächtliche Feierzug mit den Tanzpaaren. Lithografie von Karl Walser von 1924. In der Ausgabe des Verlags Mirio Romano, Kilchberg, 1989, S. 84.

Der Feierzug mit dem schwarzen Geiger und dem Liebespaar. Zeichnung von Otto Schoff. In der Ausgabe der Verlagsgenossenschaft «Freiheit», Berlin, 1921, S. 70.

Der Feierzug angeführt von dem schwarzen Geiger. Zeichnung von Fritz Deringer. In der Ausgabe des Verlags Hugo Boss, Zürich, 1943, S. 108.

Ich rate Euch, nehmt Euch, wie Ihr seid und säumet nicht. Kommt mit mir und meinen guten Freunden in die Berge […]

Romeo und Julia auf dem Dorfe



Der schwarze Geiger schlägt dem Liebespaar vor, mit ihm und seinen Freunden in die Berge zu ziehen und ein gemeinsames Leben als Heimatlose ausserhalb der bürgerlichen Welt zu führen. So formiert er einen Festzug zur «Hochzeit» von Sali und Vrenchen und zieht mit seiner Geige voran, gefolgt von den Tanzpaaren und den Musikanten. Aber Sali und Vrenchen wollen diesen Weg nicht gehen und lassen die Musikanten ziehen.

Szene 8: Das Heuschiff – der Fluss

Der Fluss – das Ende der Liebesgeschichte. Zeichnung von Fritz Deringer. In der Ausgabe des Verlags Hugo Boss, Zürich, 1943, S. 112.

Sali trägt Vrenchen durch den Fluss zum Schiff. Aquarell von Christiane Lesch. In der Ausgabe von Fleischhauer & Spohn, Stuttgart, 1981, S. 149.

Das Liebespaar treibt auf dem Heukahn im Fluss. Zeichnung von Luigi Rossi. In der Ausgabe von L. Borel, Paris, 1895, S. 251.

Das Liebespaar treibt bei Sonnenaufgang im Wasser. Zeichnung von Otto Schoff. In der Ausgabe der Verlagsgenossenschaft «Freiheit», Berlin, 1921, S. 75.

Der Heukahn treibt im Fluss. Holzschnitt von Ernst Würtenberger, 1917. In der Ausgabe von L’Age d’Homme, Lausanne, 1983, S. 149.

Vrenchen fiel ihm lachend in den Arm und rief: ‹Was willst Du tun? Wollen wir den Bauern ihr Heuschiff stehlen zu guter Letzt?› ‹Das soll die Aussteuer sein, die sie uns geben, eine schwimmende Bettstelle und ein Bett, wie noch keine Braut gehabt!›

Romeo und Julia auf dem Dorfe



Mit der letzten Szene deuten die Illustratoren das dramatische Ende der beiden Liebenden an. Sie wollen auf dem Heukahn Hochzeit feiern, bevor sie zusammen in den Tod gehen. Sie sehen keinen anderen Ausweg.